Tanz und Fotografie

Kann man Gerüche spüren?

Kann man Geschmack hören oder riechen?

Oder anders gefragt, ist die Übertragung einer sinnlichen Wahrnehmung in einen anderen Sinn möglich?

Wie kann man das Gefühl, dass man beim Tanzen erfährt, in einem anderen Medium ausdrücken?Jenes wunderbare Gefühl, derentwegen ich Woche für Woche zu den Milongas gehen, Workshops besuchen und mir die Nächte um die Ohren schlage.

Es gibt berühmte Beispiele in denen diese sinnliche Übertragung hervorragend funktioniert. Wie zum Beispiel in vielen hervorragenden Filmen. Hier sei stellvertretend erwähnt Sally Potter´s Tangolesson oder ganz anders die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky indem er Bilder in Musik verwandelt.

 Ich gehe den umgekehrten Weg, ich versuche Musik, im speziellen Tangomusik, und vor allem das Gefühl des Tanzens mit fotografischen Mitteln zu artikulieren. Also das sichtbar zu machen was mich beim Tanzen bewegt, die Musik, der Rhythmus, die Dynamik, der Eros.

Es geht mir bei diesen Bildern nicht um die einzelnen Menschen, nicht um Posen oder Figuren, es geht darum diese einzigartige Emotion zu vermitteln.

Das Gefühl der Verbundenheit, der Auflösung der Grenzen auch zwischen dem Du und dem Ich. Das Fließen und Zerfließen der Grenzen zwischen führen und geführt werden. Dort wo im Idealfall Raum und Zeit für ein paar Minuten verschwinden, dort liegt für mich die wirkliche Schönheit des Tanzens.

Es geht um die Hingabe zum Partner bzw. Partnerin und diesem wunderbaren Gefühl des Eins werden mit der Musik, der Partnerin, dem Tanzsaal.

Einfach um diesen seltenen und daher umso beglückenderen Momenten in denen sich all diese Grenzen aufzulösen scheinen.

 Um dieses Auflösen der Grenzen, der Konturen sichtbar zu machen verwende ich in meinen Fotos sehr lange Belichtungszeiten. Durch diesen „fotografischen Trick“ verschwimmen auch im Bild die Grenzen zwischen Mann und Frau, zwischen Vordergrund und Hintergrund. So naheliegend diese Lösung nun erscheint, so lange hat es für mich gedauert, bis ich sie gefunden und akzeptiert habe.

Es sind also Bilder der Hingabe. Meiner Hingabe an den Tango, genauso wie die Hingabe der Tanzenden an die Musik und diese wunderbaren Momente der Auflösung des Ich´s  und der Verschmelzung zu einem größeren Ganzen.

 Wie kann man sich dem mittels der Fotografie nähern?

Wie ist dieses Gefühl optisch darstellbar?

Aus meinem Blickwinkel ebenfalls nur mittels der Auflösung der Konturen, den Blick weg von konkreten Personen und Eitelkeiten, hin zu einem allgemeineren und größeren Zusammenhang. Das Verschwinden der Konturen im Bild stellt ein Äquivalent zur Hingabe im Tanz dar.

So wie ein gelungener Tanz die Grenzen des Ich´s verschwimmen lässt, so verwischen sich auch in meinen Fotos die Konturen der Tanzpartner.

In Argentinien heißt es:“Ein Tangopaar ist ein Körper mit zwei Herzen und vier Beinen.“

 Das Wort „Tanz“ in seiner ursprünglichen Bedeutung heißt so viel wie „Sehnsucht des Lebens“, die Sehnsucht sich mittels Bewegung auszudrücken, die Sehnsucht zur Hingabe. Ein gelungener Tanz ist für mich ein Kunstwerk, vor allem für die beiden Tanzenden aber manchmal auch sichtbar für Außenstehende. Wenn es mir gelingt, diese Momente einzufangen, zu transportieren und damit anderen zu vermitteln, dann haben meine Fotos erreicht, was ich damit auszudrücken vermag.

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